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Können Traumata vererbt werden? Was die Epigenetik über Familienmuster zeigt

Alte Familienfotos auf einem Holztisch, eine Hand nimmt eines auf – Sinnbild für transgenerationale Traumata

Manche Menschen bringen ein Gefühl mit, für das ihre eigene Biografie keine Erklärung liefert. Eine Wachsamkeit, die nie ganz abschaltet. Eine Angst vor Mangel in einem Leben ohne Mangel. Und eine Trauer, die älter wirkt als der Mensch, der sie trägt. In der Beratung fällt dazu oft derselbe Satz: „Mir ist doch eigentlich nie etwas passiert.“ Wer nach einer Erklärung sucht, stößt schnell auf einen Begriff: transgenerationale Traumata.

Dahinter steht eine ernst gemeinte Frage, die seit einigen Jahren auch ernsthaft erforscht wird: Können transgenerationale Traumata tatsächlich weitergegeben werden – und wenn ja, auf welchem Weg?

Die Antwort ist unbequem zweigeteilt. Dass etwas weitergereicht wird, ist gut belegt. Dass es über die Biologie weitergereicht wird, ist eine faszinierende, aber bislang nicht bewiesene Hypothese. Beides auseinanderzuhalten lohnt sich – gerade dann, wenn man mit dem eigenen Familienmuster arbeiten möchte.

Vier Wege, auf denen ein Trauma weiterreist

Der SPIEGEL beschrieb in einer großen Reportage vier Übertragungswege, und die Reihenfolge ist aufschlussreich: Drei davon sind reine Psychologie, erst der vierte ist Biologie.

Erstens das Erzählte. Jede Familie hat ihre Legenden – die Flucht, den Krieg, den verlorenen Hof, den Bruder, über den man nur in Andeutungen spricht. Solche Geschichten transportieren Haltungen: Was ist gefährlich? Worauf muss man gefasst sein? Wofür lohnt sich Anstrengung?

Zweitens das Nicht-Erzählte. Kinder entwickeln ein feines Gespür für Leerstellen. Sie merken, an welcher Stelle im Gespräch die Stimmung kippt, welcher Name nicht fällt, welches Zimmer nicht betreten wird. Das Schweigen wird selbst zur Botschaft – nur zu einer, die man nicht überprüfen kann.

Drittens die Erziehung. Wer selbst gelernt hat, dass Sicherheit brüchig ist, erzieht anders: wachsamer, kontrollierender, manchmal auch distanzierter. Das ist keine Schuld, sondern eine Anpassungsleistung, die ihren Sinn hatte – nur eben in einer anderen Zeit.

Und viertens die biologische Spur. Sie ist der aufregendste und zugleich unsicherste der vier Wege. Ihr gilt der Rest dieses Textes.

Was die Tierstudien zeigen – und was nicht

Epigenetik untersucht, wie Umwelteinflüsse steuern, welche Gene abgelesen und welche stummgeschaltet werden. Die DNA-Sequenz selbst bleibt unverändert; verändert wird sozusagen die Kommentarspur.

Das bekannteste Experiment stammt von Brian Dias und Kerry Ressler an der Emory University. Sie konditionierten männliche Mäuse auf den Duftstoff Acetophenon, indem sie ihn mit einem leichten Elektroschock koppelten. Kinder und Enkel dieser Tiere reagierten auf denselben Geruch empfindlicher als Kontrolltiere – obwohl sie die Kombination nie erlebt hatten. Im Spermium der Väter fanden sich veränderte Methylierungsmuster am zuständigen Geruchsrezeptorgen. Die Arbeit erschien 2014 in Nature Neuroscience.

Die Arbeitsgruppe um Isabelle Mansuy an Universität und ETH Zürich verfolgt seit Jahren dieselbe Frage bei früh gestressten Mäusen und hat RNA-Moleküle im Sperma als möglichen Träger identifiziert – Effekte zeigten sich dort bis in die vierte Generation.

So beeindruckend das ist: Es sind Mäuse, in kontrollierten Laborbedingungen, mit einem sehr klar umrissenen Reiz. Von dort zum Enkel einer Kriegsgeneration ist es ein weiter Weg.

Transgenerationale Traumata beim Menschen: die Datenlage

Beim Menschen wird die Datenlage sofort dünner. Zwei Befunde werden am häufigsten zitiert.

Rachel Yehuda und ihr Team am Mount Sinai in New York untersuchten Holocaust-Überlebende und deren erwachsene Kinder und fanden Unterschiede in der Methylierung des Stressgens FKBP5veröffentlicht 2016 in Biological Psychiatry. Die Stichprobe war klein, die Interpretation ist bis heute umstritten.

Der zweite Befund stammt aus dem niederländischen Hungerwinter 1944/45. Menschen, die als Ungeborene die Hungersnot erlebten, zeigten sechs Jahrzehnte später noch veränderte Methylierungsmuster.

Hier lohnt eine begriffliche Unterscheidung, die in populären Darstellungen fast immer untergeht: Wenn eine schwangere Frau hungert, ist ihr Kind selbst exponiert – und die Keimzellen dieses Kindes gleich mit. Das ist intergenerationale Prägung. Von transgenerationaler Vererbung im strengen Sinn spricht man erst, wenn der Effekt noch in einer Generation auftaucht, die nie exponiert war. Beim Menschen wäre das die Urenkelgeneration – und dort liegen praktisch keine Daten vor.

Warum viele Fachleute skeptisch bleiben

Wer über transgenerationale Traumata schreibt, sollte allerdings auch die Gegenseite hören. Der Humangenetiker Bernhard Horsthemke hat die Einwände 2018 in Nature Communications gebündelt. Drei davon wiegen schwer.

Das Chromatin wird bei der Entstehung von Keimzellen und in der frühen Embryonalentwicklung weitgehend neu programmiert – epigenetische Markierungen werden dabei gelöscht. Es gibt Ausnahmen, aber der Normalfall spricht gegen eine Weitergabe. Zweitens sind genetische, ökologische und kulturelle Vererbung beim Menschen kaum sauber zu trennen: Familien teilen Gene, Wohnort, Sprache, Essgewohnheiten und Erziehungsstil. Und drittens warten viele der einschlägigen Studien bis heute auf unabhängige Replikation.

Psychologie Heute hat diese Debatte gut aufbereitet und kommt zu einem Schluss, den ich für den ehrlichsten halte: Ausschließen lässt sich der Mechanismus nicht, aber sein Beitrag ist vermutlich klein – verglichen mit dem, was über Erzählen, Schweigen und Erziehung weitergegeben wird.

Transgenerationale Traumata sind kein Urteil: der wichtigste Befund

Wer über vererbte Traumata liest, bekommt meist die düstere Hälfte serviert. Die andere Hälfte ist bemerkenswerter.

Katharina Gapp und Isabelle Mansuy zeigten 2016, dass sich die Sache umkehren lässt: Männliche Mäuse, die als Erwachsene in eine anregende, sichere Umgebung kamen, normalisierten ihr Verhalten – und gaben die Symptome auch nicht mehr an ihre Nachkommen weiter. Die Methylierungsmuster am Glucocorticoid-Rezeptor-Gen glichen sich wieder an.

Selbst wenn also etwas weitergereicht wird, ist es kein Urteil. Was einen Menschen prägt, kann ihn auch wieder entprägen: verlässliche Beziehungen, Sicherheit über längere Zeit, und die Bereitschaft, die eigene Geschichte anzusehen statt sie weiterzureichen. Das gilt für Mäuse in einem angereicherten Käfig – und, mit aller gebotenen Vorsicht bei der Übertragung, wohl auch für uns.

Transgenerationale Traumata in der Beratung: Arbeit an Familienmustern

In der Beratung ist die spannendere Frage ohnehin nicht „Habe ich das geerbt?“, sondern: Was davon gehört zu mir – und was habe ich übernommen? Die erste Frage lädt zur Diagnose ein, die zweite zur Unterscheidung. Nur die zweite verändert etwas.

Genau hier setzt systemische Arbeit an. Wer versteht, wie familiäre Systeme Rollen, Loyalitäten und Zugehörigkeiten verteilen, erkennt oft schneller, welcher Auftrag eigentlich nie der eigene war. In der Familienaufstellung im Einzelsetting wird diese Verteilung sichtbar gemacht – nicht, um eine biologische Ursache freizulegen, sondern um einen inneren Platz zu klären. Häufig verbergen sich hinter solchen Mustern auch alte Glaubenssätze, die einmal sinnvoll waren und es längst nicht mehr sind.

Und eine Abgrenzung, die mir wichtig ist: Beratung und Coaching sind keine Psychotherapie. Wenn belastende Erinnerungen, Panik, anhaltende Niedergeschlagenheit oder Schlafstörungen im Vordergrund stehen, ist eine traumatherapeutische oder ärztliche Behandlung der richtige Weg – Psychotherapie.at bietet dafür eine gute erste Orientierung. Ich sage das im Erstgespräch offen und verweise weiter, wenn es passt. Wer im Alltag handlungsfähig ist und ein wiederkehrendes Muster verstehen und verändern will, ist in der Beratung gut aufgehoben. Wie Resilienz entsteht, hängt ohnehin weniger an der Vorgeschichte als daran, was heute an Halt verfügbar ist.

Drei Fragen zum Weiterdenken

Wer dem eigenen Muster nachgehen will, braucht dafür keine Genanalyse. Diese drei Fragen bringen erfahrungsgemäß mehr:

  • Welche Geschichte wird in meiner Familie immer wieder erzählt – und welche nie?
  • Vor welcher Gefahr bin ich auf der Hut, die ich selbst nie erlebt habe?
  • Wessen Erleichterung wäre es, wenn ich dieses Muster ablegte – meine oder die von jemand anderem?

Häufige Fragen zu transgenerationalen Traumata

Sind transgenerationale Traumata wissenschaftlich bewiesen?

Nein, nicht im biologischen Sinn. Dass Belastungen über Erzählungen, Schweigen und Erziehung weitergegeben werden, ist gut belegt. Für eine Weitergabe über epigenetische Markierungen gibt es beim Tier solide Befunde, beim Menschen bislang nur Hinweise, die umstritten und selten repliziert sind.

Was ist der Unterschied zwischen intergenerational und transgenerational?

Intergenerational heißt: Die nachfolgende Generation war selbst betroffen – etwa als Ungeborenes im Mutterleib. Transgenerational heißt: Der Effekt zeigt sich in einer Generation, die nie exponiert war. Beim Menschen wäre das frühestens die Urenkelgeneration.

Kann man ein ererbtes Muster wieder loswerden?

Vieles spricht dafür. Im Tiermodell ließen sich Verhaltensfolgen durch eine sichere, anregende Umgebung umkehren – samt der Weitergabe an die Nachkommen. Beim Menschen wirken dieselben Faktoren: verlässliche Beziehungen, Sicherheit über längere Zeit und die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte.

Hilft eine Familienaufstellung bei transgenerationalen Traumata?

Sie kann helfen, Zugehörigkeiten und übernommene Aufträge sichtbar zu machen und innerlich zu sortieren. Sie erklärt aber keine biologischen Vorgänge und ersetzt keine Traumatherapie. Bei akuter Belastung ist psychotherapeutische Behandlung der richtige Weg.

Quellen

Transgenerationale Traumata sind deshalb kein Schicksal, sondern ein Ausgangspunkt. Wenn Sie einem solchen Muster nachgehen möchten: In einem kostenlosen Erstgespräch klären wir in zwanzig Minuten, ob und wie eine Zusammenarbeit sinnvoll ist.