Neulich habe ich auf einer längeren Autofahrt eine Folge des Podcasts „Psychologie konkret“ gehört – der Podcast des IAP, Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW. Das Thema: Glaubenssätze beeinflussen unser Leben. Die Psychologin Susanna Borner beschreibt darin, wie sehr uns Sätze prägen, die wir oft gar nicht bewusst formulieren, sondern einfach für wahr halten. Drei Beispiele, die im Gespräch fallen, sind mir hängengeblieben, weil sie so alltäglich klingen: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“ „Nur wer hart arbeitet, kommt voran.“ „Dafür bin ich nicht gut genug.“
Ich habe im Coaching immer wieder mit genau solchen Sätzen zu tun. Menschen kommen mit einem konkreten Anliegen – ein beruflicher Schritt, ein Konflikt, eine Entscheidung, die sich seit Monaten nicht bewegt. Und wenn wir genauer hinschauen, steht am Ende oft nicht ein fehlender Plan im Weg, sondern eine leise, tief sitzende Überzeugung darüber, was möglich ist und was nicht. Genau deshalb möchte ich das Thema hier aufgreifen: Was Glaubenssätze eigentlich sind, wie sie entstehen, warum sie so mächtig sind – und wie sich hinderliche Glaubenssätze verändern lassen.
Was sind Glaubenssätze?
Ein Glaubenssatz ist eine verallgemeinerte, meist unbewusste Überzeugung darüber, wie die Welt, andere Menschen oder wir selbst „sind“. Er fühlt sich nicht wie eine Meinung an, sondern wie eine Tatsache. Und genau das macht ihn so wirkmächtig: Wir hinterfragen ihn nicht, wir handeln einfach danach.
In der kognitiven Psychologie tragen diese tief liegenden Überzeugungen den Namen core beliefs – Grundüberzeugungen. Der Psychiater Aaron T. Beck, Begründer der kognitiven Therapie, hat gezeigt, dass solche Grundannahmen wie ein Filter arbeiten: Dominieren negative Überzeugungen unser Denken, verzerren sie selbst neutrale Situationen so, dass sie zur Überzeugung passen (Beck Institute). Wer im Kern überzeugt ist, „nicht zu genügen“, wird ein neutrales Feedback eher als Kritik lesen, ein ausbleibendes Lob als Bestätigung und einen Erfolg als Zufall abtun.
Wichtig ist die Unterscheidung, die auch im Podcast anklingt: Es gibt hilfreiche und einschränkende Glaubenssätze. „Ich kann dazulernen, wenn ich dranbleibe“ trägt und öffnet. „Fehler sind der Beweis, dass ich es nicht kann“ bremst und verengt. Beide fühlen sich gleich selbstverständlich an – der Unterschied liegt nicht im Wahrheitsgehalt, sondern in ihrer Wirkung auf unser Handeln.
Wie Glaubenssätze entstehen
Die meisten unserer Grundüberzeugungen sind alt. Sie entstehen früh, oft in der Kindheit, aus wiederkehrenden Erfahrungen und aus dem, was uns wichtige Bezugspersonen vorgelebt und gesagt haben. Ein Kind, dessen Anstrengung immer nur dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn das Ergebnis perfekt ist, zieht daraus eine Regel: „Ich bin nur etwas wert, wenn ich leiste.“ Diese Regel war einmal eine sinnvolle Anpassung an eine konkrete Umgebung – nur bleibt sie bestehen, lange nachdem sich die Umgebung verändert hat.
Genau hier gibt es eine enge Verbindung zu den familiären Systemen, in denen wir aufwachsen: Überzeugungen über Leistung, Geld, Nähe oder Konflikt werden über Generationen weitergegeben, meist ohne dass jemand sie je ausspricht. Wer verstehen will, woher die eigenen Sätze kommen, landet fast immer bei den Mustern der eigenen Herkunftsfamilie. (Mehr dazu im Beitrag „Familiäre Systeme: Wie sie uns prägen“.)
Der Psychologe Albert Ellis, ein weiterer Wegbereiter der kognitiven Verhaltenstherapie, hat solche verallgemeinerten Überzeugungen als irrationale Annahmen beschrieben – oft erkennbar an Wörtern wie „immer“, „nie“, „muss“ und „darf nicht“. Sein bekanntes ABC-Modell macht den entscheidenden Punkt sichtbar: Nicht das Ereignis (A) löst unsere Reaktion (C) aus, sondern die Überzeugung (B), die dazwischenliegt (Albert Ellis Institute). Zwei Menschen erleben dieselbe Absage – der eine denkt „nicht mein Tag“, der andere „typisch, ich schaffe das nie“. Der Unterschied ist der Glaubenssatz dazwischen.
Warum Glaubenssätze so mächtig sind
Glaubenssätze bestätigen sich gern selbst. Wer überzeugt ist, ohnehin zu scheitern, geht Herausforderungen zögerlicher an, gibt früher auf, strengt sich weniger an – und erlebt am Ende genau das Scheitern, das die Überzeugung vorhergesagt hat. Die Psychologie kennt das als selbsterfüllende Prophezeiung: Die Erwartung formt das Verhalten, und das Verhalten formt das Ergebnis.
Ein zentrales Konzept dahinter ist die Selbstwirksamkeitserwartung des Psychologen Albert Bandura – die „subjektive Überzeugung, neue oder schwierige Anforderungssituationen aufgrund eigener Kompetenzen bewältigen zu können“ (Dorsch – Lexikon der Psychologie, Hogrefe). Entscheidend ist: Sie ist nicht dasselbe wie die tatsächliche Fähigkeit. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit gehen anspruchsvolle Aufgaben eher an und bleiben länger dran – nicht, weil sie objektiv mehr können, sondern weil sie glauben, es bewältigen zu können. Der Glaubenssatz wird so zur Weiche, die über Anlauf oder Rückzug entscheidet.
Ähnlich argumentiert die Psychologin Carol Dweck mit ihrer Unterscheidung zwischen einem fixierten und einem dynamischen Selbstbild (fixed vs. growth mindset): Wer Fähigkeiten für angeboren und unveränderlich hält, erlebt jeden Rückschlag als Urteil über den eigenen Wert. Wer sie für entwickelbar hält, erlebt denselben Rückschlag als Information und Übungsschritt (The Decision Lab). Es ist dieselbe Situation – aber ein anderer Glaubenssatz, und damit ein anderes Leben.
Wie sich einschränkende Glaubenssätze verändern lassen
Die gute Nachricht: Glaubenssätze sind gelernt – und was gelernt wurde, lässt sich auch verändern. Im Podcast beschreibt Susanna Borner den Weg in vier Bewegungen, die sich mit meiner Coaching-Erfahrung gut decken: die eigenen Überzeugungen erkennen, sie bewusst machen, hilfreiche stärken und einschränkende auflösen. Etwas ausführlicher sieht das im Coaching so aus:
1. Erkennen. Der erste Schritt ist fast immer der schwerste, weil ein Glaubenssatz sich wie Wahrheit tarnt. Hilfreich sind wiederkehrende Formulierungen im eigenen Kopf – vor allem die mit „immer“, „nie“, „ich bin halt so“ oder „das kann ich nicht“. Sie sind die sprachlichen Spuren, an denen ein Glaubenssatz sichtbar wird.
2. Hinterfragen. Ist dieser Satz wirklich wahr – oder nur vertraut? Woher kommt er, und wem hat er einmal gedient? Gibt es Gegenbeispiele, die ich bisher übersehen habe? Hier geht es nicht um positives Schönreden, sondern um ehrliche Prüfung: Ein Satz, der sich unter genauem Hinsehen nicht halten lässt, verliert einen Teil seiner Macht.
3. Umformulieren. Ein neuer Glaubenssatz muss glaubwürdig bleiben, sonst greift er nicht. „Ich bin großartig in allem“ überzeugt niemanden, der jahrelang das Gegenteil geglaubt hat. „Ich kann Neues lernen, wenn ich mir Zeit gebe“ dagegen schon. Der wirksamste Ersatzsatz ist meist der realistische, nicht der euphorische.
4. Im Verhalten üben. Und hier liegt der eigentliche Hebel. Ein Glaubenssatz verändert sich nicht dadurch, dass wir ihn einmal durchschaut haben, sondern dadurch, dass wir neue, widersprechende Erfahrungen machen. Wer glaubt, „ich kann nicht Nein sagen“, verändert das nicht durch Nachdenken, sondern durch das erste kleine, tatsächlich ausgesprochene Nein. Deshalb erlebe ich im Coaching immer wieder: Einsicht allein verändert wenig. Sie ist der Anfang, nicht das Ziel. (Warum das so ist, habe ich im Beitrag „Ich weiß, was ich tun sollte – warum mache ich es trotzdem nicht?“ ausführlicher beschrieben.)
Genau an dieser Stelle setzt Coaching an: nicht dabei, Ihnen zu sagen, was Sie glauben sollen, sondern dabei, die eigenen Sätze überhaupt erst hörbar zu machen, sie behutsam zu prüfen und dann Schritt für Schritt neue Erfahrungen zu ermöglichen, die eine neue Überzeugung tragen können. Es ist ein Kern jeder echten Veränderung: Sie zeigt sich am Ende nicht im Kopf, sondern im Verhalten.
Reflexionsfragen
- Welcher Satz über sich selbst kehrt bei Ihnen am häufigsten wieder – besonders in Momenten, in denen Sie unter Druck stehen?
- Wenn Sie diesen Satz laut aussprechen: Klingt er nach Ihnen – oder nach einer Stimme aus Ihrer Kindheit?
- Was hätte dieser Satz Sie in den letzten Jahren gekostet, wenn er nicht gestimmt hätte?
- Welchen einen, realistischen Satz würden Sie stattdessen gerne glauben – und was wäre die kleinste Handlung, die dazu passen würde?
Häufige Fragen zu Glaubenssätzen
Was genau ist ein Glaubenssatz?
Ein Glaubenssatz ist eine verallgemeinerte, oft unbewusste Überzeugung über sich selbst, andere Menschen oder die Welt, die sich wie eine Tatsache anfühlt. In der kognitiven Psychologie werden solche tief liegenden Überzeugungen als Grundüberzeugungen (core beliefs) bezeichnet. Sie wirken wie ein Filter, durch den wir neue Erfahrungen deuten.
Woher kommen einschränkende Glaubenssätze?
Die meisten entstehen früh, aus wiederkehrenden Erfahrungen in Kindheit und Jugend und aus dem, was uns wichtige Bezugspersonen vorgelebt und gesagt haben. Oft werden Überzeugungen über Leistung, Geld oder Nähe unausgesprochen über Generationen in Familien weitergegeben. Ein Satz, der einmal eine sinnvolle Anpassung war, bleibt bestehen, auch wenn sich die Umstände längst geändert haben.
Kann man Glaubenssätze wirklich verändern?
Ja. Weil Glaubenssätze gelernt sind, lassen sie sich auch neu lernen. Der Weg führt über das Erkennen der eigenen Sätze, das ehrliche Hinterfragen, das Umformulieren in eine realistische, glaubwürdige Variante und – entscheidend – über neue Erfahrungen, die der alten Überzeugung widersprechen. Reines Nachdenken reicht meist nicht; die Veränderung zeigt sich im Verhalten.
Sind alle Glaubenssätze schlecht?
Nein. Es gibt genauso hilfreiche wie einschränkende Glaubenssätze. Überzeugungen wie „Ich kann dazulernen, wenn ich dranbleibe“ geben Halt und Zuversicht. Im Coaching geht es deshalb nicht darum, alle Überzeugungen loszuwerden, sondern die hinderlichen zu erkennen und die tragenden bewusst zu stärken.
Fazit
Wir leben in hohem Maß entlang von Sätzen, die wir uns selbst nie bewusst ausgesucht haben. Manche tragen uns, andere halten uns klein. Die Arbeit an Glaubenssätzen ist deshalb keine Technik zum „positiven Denken“, sondern die Bereitschaft, den eigenen inneren Überzeugungen einmal genau zuzuhören und zu prüfen, ob sie heute noch stimmen. Der Podcast bringt es auf einen einfachen Nenner: erkennen, bewusst machen, das Hilfreiche stärken und das Einschränkende loslassen. Und der wichtigste Schritt kommt danach – wenn wir anfangen, uns anders zu verhalten, als der alte Satz es vorgesehen hätte.
Quellen und Leseempfehlungen
- Podcast „Psychologie konkret“ (IAP – Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW): „Glaubenssätze beeinflussen unser Leben“, Gespräch von Ellen Gundrum mit der Psychologin Susanna Borner, veröffentlicht am 7. Juli 2025.
- Beck Institute for Cognitive Behavior Therapy: Negative Core Beliefs in CBT – zu den Grundüberzeugungen nach Aaron T. Beck.
- Albert Ellis Institute: REBT in the Context of Modern Psychological Research – zum ABC-Modell und irrationalen Überzeugungen.
- Dorsch – Lexikon der Psychologie (Hogrefe): Selbstwirksamkeitserwartung – zum Konzept nach Albert Bandura.
- The Decision Lab: Carol Dweck – zum fixierten und dynamischen Selbstbild (mindset).
Hinweis: Dieser Beitrag ist durch die genannte Podcast-Folge angeregt. Die Darstellung der Folge stützt sich auf die öffentlich verfügbaren Show Notes; die fachliche Einordnung stammt aus den zitierten psychologischen Quellen. Der Beitrag ersetzt keine Psychotherapie und keine medizinische Beratung.